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Hundstage: Mein München-Sommer-Blues

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Hundstage: Mein München-Sommer-Blues

Geht München “vor die Hunde”? Schon seit einiger Zeit geistert mir ein “Mir reicht’s” durch den Kopf: München mit Hund zehrt momentan ganz schön an meinen Nerven.

Hundstage: Mein Münchner Sommer-Blues

Hundstage: Mein Münchner Sommer-Blues

Neulich musste ich mich wieder einmal von wildfremden Menschen in Sachen Hund anblöken lassen, in diesem Fall, dass ich doch gefälligst meinen Hund anleinen soll – der brav an der Seite auf dem Weg lief, ohne sich auch nur im mindesten für irgendwelche vorbeigehenden/-fahrenden/-laufenden Menschen zu interessieren oder diese zu behindern, und das Ganze in einem Bereich, wo er meines Wissens nach auch frei laufen darf. Das war der Auslöser, dass ich meinen Frust einfach mal niederschreiben wollte. Ich versuche ja durchaus, selbstkritisch zu sein und solche Dinge zu hinterfragen: Bin ich vielleicht einfach nur empfindlich und nehme es mir zu sehr zu Herzen, wenn ich zu Unrecht angegriffen werde? Habe ich mich vielleicht sogar doch falsch verhalten? Und so dümpelte das Thema erst einmal im Hinterkopf vor sich hin.

Vor ein paar Tagen habe ich dann ein Foto auf der Facebook-Seite von Isarhunde gepostet:

"Leine find ich gut": Plakatkampagne der Stadt München

“Leine find ich gut”: Plakatkampagne der Stadt München

Ich fragte mich: Warum macht ein kleiner Hund Werbung für die Leinenpflicht, die im letzten Jahr in einigen Bereichen Münchens (zusätzlich zu den bereits bestehenden Bereichen mit Leinenpflicht) eingeführt wurde, von der aber doch häufig nur große Hunde (ab 50cm Schulterhöhe) betroffen sind? Warum hängt so ein Plakat (weit) außerhalb eines leinenpflichtigen Bereichs, aber dafür in der Nähe einer KiTa? Und: Wenn “faires Miteinander” auf Regeln basiert, warum sollen sich dann (gefühlt) nur Hundehalter selbigen unterwerfen?

Das Foto führte zu einem interessanten Austausch mit einer Leserin, die das momentane Klima in München sehr ähnlich empfindet wie ich. Ich bin also anscheinend nicht allein mit meiner Wahrnehmung. Die Leserin führt den Klimawandel gegenüber Hunden in München nicht zuletzt auf die Kommunikation rund um die Münchner Linie zurück. Ich denke, dies ist sicher nicht der (alleinige), sondern bereits der Ausdruck der veränderten Haltung gegenüber Hunden (in der Stadt?) in der Gesellschaft. Aber der Reihe nach…

Von No-Go-Areas und Spießrutenlaufen

Wenn ich so darüber nachdenke, hadere ich im Sommer immer deutlich mehr damit, mit Hund in der Stadt zu lieben, als im Winter. Das geht so weit, dass ich manchmal Regentage regelrecht herbeisehne, um mal wieder in Ruhe und Frieden mit Mika spazieren gehen zu können.

Die Auswahl der Spazierrouten ist bereits durch die schieren Menschenmengen, die sich in Parks, an der Isar oder sonstwo draußen aufhalten, eingeschränkt. Warum das, fragt ihr euch vielleicht, der Hund kann doch auch zwischen den Menschen herumlaufen? Ja, das könnte er. Doch – kaum zu glauben, aber wahr – ich fühle mich selber nicht wohl damit, dadurch eventuell andere Leute zu stören, die vielleicht sogar Angst vor Hunden haben. Schließlich zählt Mika auch nicht unbedingt zur Kategorie “Kleinhunde”.

An eine schnelle Abkühlung in der Isar ist beispielsweise kaum zu denken, wenn das ganze Ufer voller Sonnenanbeter ist. Selbst wenn man es da schafft, den Hund auf Abstand zu bringen, bevor er sich schüttelt, kann man damit rechnen, dass einen eine Menge wütender Blicke und Unmutsäußerungen treffen. Und auch ohne dass Wasser im Spiel ist, geraten Spaziergänge durch beliebte Ausflugsgebiete mit Hund schnell zum Spießrutenlauf.

Vermüllung statt Idylle (hier ein verhältnismäßig harmloses Beispiel)

Vermüllung statt Idylle (hier ein verhältnismäßig harmloses Beispiel)

Bliebe nur noch, den Hund an der Leine zu behalten. Abgesehen davon, dass ich es längerfristig definitiv als nicht tiergerecht erachte, wenn ein Hund nicht auch einmal “richtig laufen” kann, behebt es aber auch nicht das nächste Problem: Ständig muss ich die Augen offen halten, ob irgendwo in Mikas Augen fressbarer Müll herumliegt, der im Vorbeigehen dann mal schnell in seinem Magen landet, oder ob Scherben herumliegen, in die er treten könnte. Von anderen Hinterlassenschaften, in die Hund sich auch mit Leine ganz hervorragend hineinwälzen kann, ganz zu schweigen. Und da die Leine auch nicht nur auf Bei-Fuß-Länge ist, muss man noch dazu ständig aufpassen, dass man niemandem versehentlich den Weg versperrt. Der Hass sämtlicher Jogger und Radfahrer wäre einem sonst gewiss.

Also werden die besonders schlimmen Gegenden monatelang gemieden, was auch bedeutet: ein gutes Stück rausfahren ist nötig, wenn man einigermaßen glimpflich durchkommen möchte. Ganz ehrlich: Wenn ich Gassirouten nur noch in der Kategorie “Schaffe ich es dort, konfliktfrei und sicher mit meinem Hund durchzukommen” beurteilen kann, dann leiden Freude und Erholungseffekt beim Spaziergang schon deutlich.

Die Münchner Linie – oder: “Leine find ich gut!”

Die neue Münchner Linie an sich ist nicht so schlimm: Ich glaube, es gibt für mich exakt eine Stelle, wo ich Mika seit der Änderung anleine, wo ich es vorher nicht gemacht habe. Ansonsten gilt für mich: Ich leine sowieso oft an! Ich würde gar nicht auf die Idee kommen, meinen Hund in der Fußgängerzone oder auf “Märkten, Festen und anderen öffentlichen Veranstaltungen im Freien” frei laufen zu lassen – ganz abgesehen davon, dass ich ihn dort bzw. generell innerhalb des Altstadtrings eigentlich gar nicht erst mitnehme. Oder höchstens, wenn wir uns durch diesen Bereich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln hindurchbewegen – und in den Öffis ist Mika selbstverständlich sowieso angeleint.

Was ist also das Problem? Zum einen scheint die Kommunikation rund um die Münchner Linie die Wahrnehmung in der nicht-hundehaltenden Bevölkerung hervorzurufen oder zu verstärken, dass Hunde immer und überall an die Leine gehören und Hundehaltern sowieso keine Rechte zustehen. Zum anderen fordert die Stadt dazu auf, “Regelverstöße” direkt zu melden – ein Traum für alle Hobby-Hilfs-Sheriffs und Profi-Besserwisser, ein Albtraum für das früher doch recht tolerante Miteinander, in dem auch oft unausgesprochene Regeln galten (zum Beispiel, was den Hundefreilauf im Englischen Garten angeht, der jetzt öffentlichkeitswirksam in der Kommunikation seitens der Stadt verneint wird – obwohl der Englische Garten ja gar kein städtischer Park ist).

Alles in allem beschleicht mich auch hier das Gefühl, dass Hundehalter immer stärker marginalisiert werden sollen. Und wenn sie nicht freiwillig weichen, weil das “faire Miteinander” eben nicht besonders fair aussieht und sie die Konsequenzen ziehen, dann verdrängt man sie eben subtil durch immer mehr Sperrzonen an den Rand – der Stadt sowie der Gesellschaft. Auch die neue Zamperl-App der Stadt München verstärkt diesen Eindruck: Zwar ist es äußerst sinnvoll, ein solches Angebot zu Verfügung zu stellen, damit insbesondere Reisende mit Hund wissen, wo sie ihren Hund freilaufen lassen können. Im Endeffekt findet man aber beinahe nur Stellen, wo der Freilauf verboten ist. Andere Stellen werden einfach gar nicht erst aufgeführt und so wird das Bild weiter geprägt, dass Hunde irgendwie doch eigentlich immer an die Leine gehören. Oder vielleicht noch treffender: nichts im Stadtbild zu suchen haben.

Umso schlimmer wird das Ganze in der Kombination mit den No-Go-Areas. Der Hirschgarten, zum Beispiel, ist so etwas wie unser Alltags-Auslauf, eben dann, wenn nicht so viel Zeit ist, wir aber trotzdem ein bisschen Grün um uns herum haben wollen und die Möglichkeit, kurz ins Wasser hüpfen zu können (also der Hund, nicht ich). Hier gibt es, wenn ich alles richtig verstehe, exakt drei-vier Bereiche, wo Hunde überhaupt theoretisch frei laufen könnten. Eine davon – und das ist so dermaßen unlogisch, dass ich eigentlich nicht glaube, dass es stimmt, aber ich konnte auch noch keinen anderslautenden Hinweis finden – ist die Grillwiese, auf der zudem in einer Ecke ein Basketballkorb steht und außerdem der Skatepark untergebracht ist. Fällt also im Sommer definitiv weg! Eine andere grenzt gleich an den Biergarten an. Dort wird dementsprechend auch sehr gerne Fußball oder sonstiges gespielt. Fällt also eigentlich auch weg (vor allem bei den für Hundenasen ach-so-verführerischen Biergartendüften im Sommer). Bleiben noch zwei, die auch schon seit Jahren genau diejenigen sind, die als Hundewiesen und -treffpunkte genutzt werden. Aber auch hier mittlerweile, vor allem seit der Besiedelung des Hirschgarten-Wohngebiets, im Sommer jede Menge Sonnenbadende – die sich gerne und lautstark über spielende und freilaufende Hunde beschweren.

Und nun? Weichen um des lieben Friedens willen? Oder darauf hinweisen, dass die Hunde hier laufen dürfen – und dann doch als der asoziale, rücksichtslose Hundehalter gelten – auch wenn die hundelosen Leute dort ja Ausweichmöglichkeiten auf den anderen, grün-bepollerten Wiesen hätten, ganz im Gegensatz zu den Hundehaltern?

Die Grillwiese im Hirschgarten nach einem Schönwettertag

Die Grillwiese im Hirschgarten nach einem Schönwettertag

Schließlich verursachen die Hundekontrolleure sowie die Androhung von Bußgeldern von bis zu 1.000 Euro (wie viel muss man noch gleich für “Rote Ampel überfahren” oder “Wild grillen” zahlen?) ein latent ungutes Gefühl von Beobachtung, selbst wenn man sich wirklich Mühe gibt, sich an die Regeln zu halten.

Die Schizophrenie der Medien

Es ist ja allgemein bekannt, dass sich mit niedlichen Hundebabys so ziemlich alles verkaufen lässt. Ehrlich, achtet mal darauf, wo überall in der Werbung Hunde zu sehen sind, das ist manchmal auch ganz schön absurd. Und natürlich lassen sich damit auch wunderbar Zeitungen (oder andere Nachrichtenangebote) verkaufen. Klar, dass einem da von Zeit zu Zeit kleine Fellknäuel von den Titelseiten der boulevardigeren Gazetten angrinsen. So süß! Auch Tierschutz-Stories machen sich natürlich immer gut, sind ja auch was fürs Image.

Gleichzeitig scheinen Hunde in den Köpfen mancher Medienmacher die größte Bedrohung für Leib und Leben, der der moderne Mensch in deutschen Städten ausgesetzt ist.  Darunter haben natürlich am allermeisten einzelne Hunderassen zu leiden, die eben einfach unter Pauschalverdacht stehen. Das Stigma bleibt aber scheinbar auch an allen anderen Hunden mithaften. So oder so denke ich: Diejenigen Hunde, die es durch aggressives Verhalten bis in die Medien schaffen, gehören höchstwahrscheinlich Hundehaltern, denen die “Regeln für ein faires Miteinander” herzlich egal sind (Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel).

Der Hund als sanfter, kleiner Flausch-Engel oder als scheinbar frisch aus der Hölle entstiegenes Monster mit dem einzigen Ziel, Menschen zu verletzen… Das hat äußerst wenig mit der Realität zu tun. Dieses Gegensatzpaar führt aber dazu, dass Hunde von Außenstehenden sehr leicht eingeordnet werden können: Wenn sie sich auch nur ein bisschen “danebenbenehmen”, also sich normal hundlich verhalten und erkennbar kein Engel sind, dann müssen sie ja förmlich Dämonen sein.

Statt Verboten oder Horror-Stories über Hunde-Monster wären also vielleicht sachliche Information und Aufklärung angebracht – sowohl unter den Hundehaltern selbst (ohja, da läuft auch sehr viel schief, aber das ist nochmal ein eigenes Thema) als auch unter Nicht-Hundehaltern. Und dazu gehört für mich: dass man auch einmal für Toleranz wirbt. Ist es wirklich so schlimm, wenn einen ein paar Wassertropfen von einem sich schüttelnden Hund treffen, wenn man sowieso gerade vom Baden kommt?

Information muss dann aber auch aufgeklärt daherkommen. So stellt etwa die Stadt München auch ein Infoblatt “Tipps zum Umgang mit Hunden”, das prinzipiell eine sehr gute Sache ist, denn es gibt Nicht-Hundemenschen auch ein paar (implizite) Regeln mit auf den Weg. Schade ist aber, dass dadurch und durch die Tonalität der Hund gleich wieder als potenzielle Bedrohung dargestellt wird. Dementsprechend wäre es wünschenswert, wenn inhaltlich, optisch und von der Tonalität her nachgebessert wird (mal als Beispiel: “Achten Sie auf die Verhaltenssignale des Hundes in Form von Ohrenstellung, Körper und Schweifhaltung sowie Lautäußerungen” – natürlich kann und sollte jeder darauf achten, aber richtig interpretieren steht auf einem völlig anderen Blatt), und wenn man schon dabei ist: Vielleicht könnte man ein paar der Tipps / Regeln, die Nicht-Hundemenschen einhalten sollten, gleich mal mit in die Kampagne aufnehmen? Ich fände es nämlich durchaus auch Befürwortenswert, wenn fremde Menschen nicht einfach meinen Hund streicheln würden…

The Good, the Bad and the Ugly

Ich habe mich lange mit Hund in München sehr wohl gefühlt. Aber von Jahr zu Jahr wird es für mein Empfinden etwas schlechter, schwieriger, anstrengender. Und dabei bin ich noch mit einem weitgehend braven Hund gesegnet (der durchaus seine Macken hat, die ich aber, denke ich, ganz gut kenne und einschätzen kann und dementsprechend ich versuche mich zu verhalten).

Der Druck, immer perfekt “sozialverträglich” aufzutreten, ist in jedem Fall gestiegen. Eine Konsequenz daraus ist, dass wir nach Jahren, in denen wir fast ausschließlich in den Öffentlichen unterwegs waren, jetzt Auto fahren. Das ist gleichzeitig schade, denn gerade in den Öffis haben wir auch immer wieder äußerst positive Begegnungen mit anderen Menschen gehabt. Damit meine ich gar nicht mal besonders positiv für mich, sondern für das Gegenüber: häufig ältere Damen, die sich wahnsinnig über den Hund und einen kleinen Plausch freuen. Und genau an diesen Begegnungen konnte man sehr schön sehen, welche positiven zwischenmenschlichen Effekte ein Hund mitbringen kann: Der Hund wird zum vierbeinig-felligen Kontaktmittel, eine Eigenschaft, die gerade in der anonymen Großstadt viel wert sein kann (und auch gezielt z. B. bei Besuchs- oder Therapiehunden eingesetzt wird).

Mein Eindruck: Es geht bei den wenigsten wirklich um die Hunde, die stören. Es ist nur einfach so, dass die Rücksichtslosigkeit der verschiedenen Gruppen untereinander steigt (man lese sich beispielsweise nur einmal die Kommentare zum Bericht über die Münchner Hunde-Kontrolleure bei der AZ durch). Das wäre ein tiefsitzenderes gesellschaftliches Problem. Und ich frage mich ernsthaft, ob dies in der Stadt angesichts der Massen an Menschen einfach stärker wahrnehmbar ist? Wäre ein Umzug aufs Land eine sinnvolle Alternative? Meinen Nerven und auch den Nerven meines Hundes zuliebe (ja, Tatsache, wenn ich mit ihm spießrutenlaufe, dann kann er angesichts meines Stresspegels wohl kaum entspannt sein) ziehe ich das sehr ernsthaft in Erwägung. Nur: Leiste ich damit der Marginalisierung nicht eigentlich Vorschub? Und dann wiederum: Warum soll ich hierbleiben, wo ich mit (großem) Hund scheinbar nicht mehr erwünscht bin? Und das noch dazu, wo es in München ja noch andere, insbesondere wohntechnische Probleme (für Hundehalter) gibt.

Die Isarhunde also bald nicht mehr in München? Wir werden sehen! In der Zwischenzeit interessiert es mich natürlich brennend, wie es euch ergeht und wie ihr die Stimmung gegenüber Hunden / Hundehaltern derzeit empfindet?

Bye bye, München? Zumindest die Isar sollte in Reichweite bleiben, wo sonst ließe sich so herrlich plantschen?

Bye bye, München? Zumindest die Isar sollte in Reichweite bleiben, wo sonst ließe sich so herrlich plantschen?

P. S.: Ich höre mir jetzt erst mal eine Runde “Shake it out” an :-)!

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