Passübergang
Ein steinchen eigross aus der steilwand
gelöst, im bogen geschnippt über dir,
wandernder Winzling, würde genügen.. Armes
dörfchen im talgrund, zyklopische wuchten
vom spaltfrost gelockert, neigen sich über.
Ein fussbreit des klammwegs von einer sicker-
bahn unterhöhlt - und du: schau hinunter, was da
mit drachenzähnen im maul aus dem moder-
und aasgeruch heraufgähnt!
Dann aber: von gletschern geschundenen
schultern der erde strecken sich unter
den füssen und buckeln mich aufwärts in schlangen-
wülsten - schwingen mich in
den obersten sattel
für eine scheitelstunde.. Das untergebiss
aus hochgrat an graten hält seine siesta
mit offenem rachen. Ehe der sonnenbrand
den knirschenden kiefer senkt, hinunter!
Die ebbflut in prielen aus warmluft von mittag
federt die kniee ab, lichtwatend.
Der milchsaum der ebene flimmert und malt
palmwedel aus steigluft. Es geht in den wagen-
rille der Legionäre talwärts - -
© Wilhelm Deinert
ANZEIGEN
Beobachtung
Betrachtet die Erde aus
der Entfernung von ein paar tausend
Lichtjahren, astronomisch großer Nähe.
Verlagert euren Schwerpunkt, stellare
Nebel und schwarze Löcher im Hintergrund.
Macht es euch bequem, mit der
Distanz eines eingeflogenen Beraters,
im Fernrohr ein winziger blauer Furz.
© Martin Dragosits
Richtfest
Sie wollten den Teufel
ans Kreuz nageln
pfiffen Spottlieder auf alles
was ihnen teuer war
Wolken sahen sie ziehen
Zeiten umstürzen
das Morphium wirkte lange
dem Teufelswerk
konnte es nichts anhaben
hatte man sich schon jemals so
Nägel ins Mark geschlagen?
Mit Astkrücken
und grauweißen Verbänden
hinkten sie heim
nie waren die Wege so lang
doch ihre Kinder und Frauen
trafen sie nirgendwo mehr
keine Wohnstätten
nur versteckte Kunde
von gewandelten Verhältnissen
Sand, Gebein und verdorrtes Gras
© Marko Ferst
Weise Luft
Es war im Tal. Auf
der Durchfahrt nach dem großen Regen.
wir wussten nicht wohin weder Weg
noch Ziel in der Überschrift.
zwei weiße große Vögel. Mutierte Greife.
>ein seltenes Naturereignis< Ein Paar
thronte über den Wiesen spähte
über Land. Holunder und Apfel hing
schwer an den Bäumen. drückend und feucht.
drückend und feucht ächzte die Luft gegen
die Verzweiflung des endenden Sommers.
wucherten Sträuche und Bäume als müsse alles
als müsse alles immer im Maximum
raus und sich selbst übertreffen.
um auf Teufel komm raus
festzuhalten an
der Erinnerung flirrenden
Lichts ame-
thyst - blaue Lacktrichter-
linge glänzte schoben
den Hut über die Stunde vor
der Nacht tief bis zur Stirn.
(Rückblende/halluzinogene
Sequenzen/Schnitt-
muster
farblos/verblichen/schwarzweiß
ein Set alter Filme/wahr-
haftig/unvergänglich/unwiederbringlich). Am
Rand der Wiese saß
das Vogelpaar in respektvollem
Abstand. Wir hielten
an. Starrten durch
Kaskaden von Apfel und Holunder. Unsere
Hände verhakten sich.
Kein Augenblick keine Bewegung stummes
Nicken no way
to return
Mächtige Flügel pumpten sich
auf. Das Paar flog
davon. An den Waldrand. Nicht weit.
Weit genug
es aus den Augen
zu verlieren.
© Julietta Fix
landläufer
Ich aber werde dunkel sein
Und gehe meinen Weg allein.
(Jakob Michael Reinhold Lenz, 1751-1792)
verstoßen von einem titan
umkreist er den heiligen ort
ein ewiger landläufer der weg
zum olymp ist verschmiert von schleim
ein lachen fängt sich im kahlgeäst
sein kopf verharrt im wurzelwerk
und seine füße hinterlassen
leise spuren in den wolken
die berge rollen ihm davon
schluchten zerklüften sein hirn
der weg ist nicht das ziel
der weg ist nicht einmal der weg
sein geist will erde werden
so setzt er fuß vor wort vor fuß
und unter den sohlen liest er
den flüchtigen abrieb der tage
er rollt seine worte bergauf
ein jedes mit ihm selbst beschwert
und die welt bleibt stumm als warte sie
auf den aufprall seines schweigens
© Jürgen Flenker
ANZEIGE