Pünktlich zur Buchmesse sieht man sie wieder überall: die Möglichkeiten, online schnell und einfach ein eigenes Buch zu veröffentlichen. Ob man es nun Selbstverlag, Eigenpublikation oder neuhochdeutsch Selfpublishing[1] nennt, fest steht, dass dieser Bereich schon seit Jahren – etwa von BoD – bedient wird. Das Grundprinzip ist gleich geblieben: Als (angehender) Autor kann man sich für verschiedene Modelle zur Publikation entscheiden, in der Regel ist das Grundpaket kostenlos. Und wie generell im Buchmarkt entstehen mehr und mehr Angebote, Titel auch oder ausschließlich als E-Book zu veröffentlichen (eine aktuelle Übersicht zu den neuen Angeboten der Selfpublishing-Anbieter in Sachen E-Books findet sich bei heise online).
Schreiben und Lesen im stillen Kämmerlein: Das gehört bei vielen Autoren und Lektoren der Vergangenheit an
Eine stärker dem Social Web entsprechende Form der Veröffentlichung bieten (auf digitalen Content fokussierte) Publikationscommunities wie Bookrix, XinXii oder Scribd. Der letzte Streich, der gewissermaßen beide Welten verbindet, ist das Crowdsourcen von Verlagsinhalten: Es basiert auf der simplen Idee, Leser über die Qualität von Manuskripten urteilen zu lassen und die besten Titel als Buch zu veröffentlichen. Das Startup EPIDU macht dieses Konzept schon eine Weile vor, jetzt hat auch Droemer Knaur das Prinzip mit neobooks aufgegriffen und verlagert damit einen Teil der Lektoratsarbeit auf die breite Masse der Internetuser.
Die Mischung aus „Casting” und dem Wissen (oder eher: dem Geschmack) der Vielen, von manchen auch polemisch als „Aal – Andere arbeiten lassen” bezeichnet, wurde bereits in vielen Bereichen, allen voran in visuellen Gestaltungsprozessen, erprobt. Natürlich mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg, Fingerspitzengefühl und Qualität der Ergebnisse.
Mit neobooks erhält das Spiel einen zusätzlichen Anreiz, steht hier doch ein namhafter Verlag im Hintergrund, der außerdem den Usern der Plattform die Chance auf eine „vollwertige” Veröffentlichung im Verlagsprogramm in Aussicht stellt. Die Motivation für literarisch Ambitionierte dürfte entsprechend groß sein. Zudem können auch Autoren, die nicht zu den glücklichen Auserwählten gehören, deren Werke zur Prüfung auf dem Tisch des Droemer Knaur-Lektorats landen, ihre Werke über neobooks als E-Book veröffentlichen und vertreiben.
Fest steht, dass der Weg zum eigenen Buch dank Internet so einfach wie nie zuvor ist. Offen bleibt die Frage, wie das Buch dann aber an Leser kommt: Manch unbedarfter Autor stellt sich möglicherweise eine wunderbare Leservermehrung vor, sobald der Text erst publiziert ist. Dem ist natürlich nicht so. Die Veröffentlichungscommunities mit Fokus auf soziale Komponenten setzen auf die Etablierung einer Fanbase bereits vor Erscheinen des Buches: Sind andere User an der Entstehung des Buches beteiligt – und sei es nur durch ein Voting –, stellt sich eine gewisse „Loyalität” zum fertigen Produkt ein, die Wahrscheinlichkeit eines Kaufs steigt. Zumindest in der Theorie.
Doch welche Marketingmöglichkeiten bieten die Plattformen ihren Autoren? Und gibt es Leitfäden für die Autoren, wie sie ihr Werk bekannt machen können? Werden die Autoren, abseits von der impliziten Hoffnung auf eine literarische Karriere, betreut und gepflegt?
Epubli, eine weitere Selfpublishing-Plattform, startet nun zumindest ein Netzwerk von Buchprofis, um Autoren mit Dienstleistern rund um das Buch zusammenzubringen, sowohl im Vorfeld der Veröffentlichung in den Bereichen Lektorat und Herstellung als auch nach Erscheinen in den Bereichen Marketing und PR.
Quantität vor Qualität oder die Weisheit der Massen? Der direkte Draht zum Leser eröffnet Autoren auf jeden Fall neue Vermarktungschancen
Was aber passiert, wenn bereits etablierte Autoren ihre Koffer packen und mit ihrer vorhandenen Reputation eine Selbstveröffentlichung wagen, also nicht im Vanity Publishing-Bereich, sondern als wohlüberlegte Entscheidung weg von Verlagsstrukturen und hin zum selbstbestimmten Publizieren? Ob nun aus monetären Erwägungen, denn gerade im E-Book-Bereich mehren sich kritische Stimmen von Autoren und Agenten zum Thema Honorare, zuletzt auf der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt, oder um unabhängig von langfristiger Programm- und Marketingplanung schnell und unkompliziert am Markt auftreten zu können. Droht möglicherweise ein Autoren-Braindrain in den Verlagshäusern?
Gerade Autoren, die sich bereits „einen Namen gemacht“ haben, vielleicht sogar schon vor ihrer Buchveröffentlichung in ihrem (Fach-)Bereich als Experten wahrgenommen wurden, können sich diesen Vorteil insofern zunutze machen, als sie bei Eigenveröffentlichungen eine größere Gewinnspanne erzielen können. Generell scheint der Selfpublishing-Weg für Sach-/Fachbücher zu Nischenthemen (und allen voran mit Bezug zu Webthemen) auch in Hinblick auf Verkaufszahlen ein verhältnismäßig leichter, sofern die Autoren sich in der angesprochenen Zielgruppe bereits etabliert haben. Zwar verzichten sie damit auf das gesammelte Knowhow (etwa im Bereich Lektorat und Herstellung) sowie die Marketing- und Vertriebsstärke eines Verlagshauses, jedoch kann – wer will –zumindest Teile davon auch im Freelancer-Bereich einkaufen oder eben – wer kann – selbst übernehmen. Bleibt also das unternehmerische Risiko, das im Falle der Eigenveröffentlichung der Autor allein trägt, das allerdings bei einer reinen E-Book-Veröffentlichung (etwa über eine der oben genannten Plattformen) von den Produktionskosten her überschaubar ist.
Ein konkreter Fall, der mir in den Sinn kam, war das Buch „Meconomy“ von Markus Albers: Albers hatte zunächst den erfolgreichen Titel „Morgen komme ich später rein“ im Campus Verlag veröffentlicht, sich dann aber für sein zweites Werk bewusst für eine Veröffentlichung auf eigenen Beinen entschieden. Meconomy war zunächst ausschließlich als E-Book verfügbar und über so ziemlich alle E-Book-Vertriebskanäle erhältlich, natürlich auch als iPhone-App, mittlerweile gibt es auch eine Print-on-demand- und sogar eine Hörbuch-Version.
Mir stellt sich bei all diesen Aspekten rund um das Thema Selfpulishing (von denen hier nur einige wenige angeschnitten werden), die Frage, ob von den Verlagen ein Trend zur Abwanderung von Autoren wahrgenommen wird und wenn ja, ob und wie dem mit Autorenpflege entgegen gewirkt wird? Kann man den neobooks-Schachzug von Droemer Knaur als Schritt in Richtung Hege zukünftiger Autoren deuten oder soll letztlich nur die Lektoratsarbeit durch eine öffentliche Vorauswahl der eingereichten Manuskripte erleichtert werden? Fragen, die letztlich auch mit der Selbstwahrnehmung und Positionierung von Verlagen im digitalen Zeitalter zusammenhängen, in dem jeder die Möglichkeit hat, eine mehr oder minder große Öffentlichkeit zu erreichen.
Fotos von Dieter Schütz und bluefeeling / beide pixelio.de
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Hallo!
Ein sehr schöner Artikel. Eine Frage, die sich mir persönlich gerade rund um neobooks noch aufdrängt ist die, ob hier nicht gerade in die falsche Richtung gespart werden soll. Wie richtig dargestellt wurde, stellen Verlage gerade im Bereich Know-How noch immer die bessere Lösung dar. Know-How im Layout-Bereich ist wichtig, aber nicht essenziell, Know-How im Marketing ist etwas, wovon ein Endnutzer nur bedingt im klassischen Sinne profitiert – aber gerade Know-How im Bereich Lektorat trennt oft noch immer Spreu vom Weizen. Wovon ich, als bewusster on-demand-Autor, leider auch selber einige Lieder singen kann. Man darf hier den Mehraufwand für die Einzelperson einfach nicht unterschätzen. Man kann das schaffen, aber es ist einfach ein viel weiteres Aufgabenfeld. Wer das nicht will, findet bei den Verlagen, so er einen findet, natürlich Hilfe.
Aber gerade hier den ersten Schritt gen Crowdsourcing zu gehen halte ich für eine gefährliche Richtung, zumindest aus Sicht der Verlage. Für mich als Autor stellt sich ja doch immer die Frage, warum ich den traditionellen Weg zum Buch gehen sollte, anstatt es halt selbst zu verlegen; denn selbst bei bedrucktem Papier sind die Umkosten sehr überschaubar.
Bisher wäre eine mögliche Antwort die professionelle Betreuung des Buches, auch sprachlich und inhaltlich. Das führt unweigerlich zu der nächsten Frage, ob die Verlage da gerade nicht, vielleicht unwissentlich, beginnen das Tafelsilber zu verkaufen…
Viele Grüße,
Thomas Michalski
Vielen Dank für den ausführlichen Kommentar! Bei neobooks gibt es, soweit ich weiß, keine Garantie, dass man in das (Droemer Knaur-)Verlagsprogramm aufgenommen wird – selbst dann nicht, wenn man das Voting gewinnt. Das führt lediglich zu einer Prüfung der Manuskripte durch das Verlagslektorat und dort geht es ja nicht nur um die Bewertung von Inhalt und sprachlicher Qualität der Manuskripte, sondern besonders auch um die Einschätzung der Wirtschaftlichkeit und das Abwägen, ob das Buch ins Gesamtprogramm passt. So gesehen bleibt die Entscheidungshoheit letztendlich weiterhin beim Verlag, was ich in vielerlei Hinsicht auch für richtig erachte: Ein verwässertes Programm ist schließlich weder im Sinne des Verlags, noch sollte es im Sinne der Autoren sein. Und ich vermute einfach, dass die “richtige” Lektoratsarbeit (in Zusammenarbeit mit dem Autor) erst in dem Moment beginnt, wenn eines der Manuskripte wirklich verlegt werden soll.
Ich denke, es wird sich mit der Zeit zeigen, ob das ein guter Weg für Verlag und Autoren ist oder sein kann – oder ob es vielleicht noch die Tendenz zum Selbstverlag bestärkt, wenn etwa auch die “Gewinnermanuskripte” nicht ins offizielle Verlagsprogramm aufgenommen werden. Ich bin gespannt, was sich in diesem ganzen Bereich in den nächsten Monaten und Jahren tun wird!
Viele Grüße
Alexandra Palme